Montag, 29. Juni 2026

Friedrichshafen erinnert sich

Verschiedene Kultureinrichtungen in Friedrichshafen positionieren sich mit ihren Sonderausstellungen und Angeboten 2026 gegen Populismus und Geschichtsrevisionismus.

Blick in den neuen Themenraum
Ansicht Themenraum „Jugend unterm Hakenkreuz“, Schulmuseum Friedrichshafen 2026 Foto: Schulmuseum Friedrichshafen, Anja Koehler

Friedrichshafen erinnert sich! – So lautet das Motto, unter dem verschiedene Angebote der Kultureinrichtungen der Stadt gebündelt sind. Neben dauerhaften Einrichtungen – wie den „Stolpersteinen“ oder dem „Rundweg gegen das Vergessen“ – stellen mehrere Sonderausstellungen mehrerer Kultureinrichtungen in Friedrichshafen spezifische Orte, Aspekte und Phänomene vor, die kritische historische Aufarbeitung mit politischer Bildung und Medienkompetenz verbinden.

Der Blick der Einwohnerinnen und Einwohner und aller Interessierten soll auf die komplexe Geschichte gelenkt werden, die Friedrichshafen speziell in der Zeit des Nationalsozialismus geprägt hat. Die Stadt beteiligt sich so an einer kritischen und auf Diskurs ausgerichteten Erinnerungskultur, die populistischen und geschichtsrevisionistischen Bewegungen der Gegenwart entgegenarbeiten soll.

Der methodische Leitsatz des schwedischen Literaturhistorikers Sven Lindqvist „Grabe, wo du stehst!“ ist dabei für die Kultureinrichtungen in der Stadt – darunter das Zeppelin Museum, das Schulmuseum und das Stadtarchiv – leitend. Die Geschichte soll vom Kleinen her betrachtet und die Alltagswelt vor der eigenen Haustür befragt werden. So wird die Geschichte greifbar: Lokale und globale Perspektive machen es in Verbindung möglich, die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“ zu beantworten.

Drei Häuser – Vier Projekte
Das Stadtarchiv Friedrichshafen zeigt zwei Sonderausstellungen, die sich mit bislang unterrepräsentierten Aspekten der regionalen Geschichte befassen: 

Seit 16. Juni ist die neue Sonderausstellung „Psychiatrie und Nationalsozialismus im deutschen Südwesten – am Beispiel Zwiefalten 1933–1945“ zu sehen. Die Wanderausstellung vermittelt lokale und regionale Aspekte der Geschichte der Psychiatrie von 1933 bis 1945. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der 1812 gegründeten ehemaligen staatlichen Heilanstalt Zwiefalten, die im Frühjahr 1940 in eine sogenannte Zwischenanstalt für die bei Münsingen gelegene Tötungsanstalt Grafeneck umgewandelt wurde. Bis zu 1.800 Menschen wurden von Zwiefalten aus nach Grafeneck deportiert und dort ermordet. Die Ausstellung des Württembergischen Psychiatriemuseums arbeitet diese Geschichte kritisch auf.

Die Ausstellung „trotzdem da!“ erzählt im Erdgeschoss des Stadtarchivs neun Lebensgeschichten von Kindern, die während des Zweiten Weltkriegs und in der frühen Nachkriegszeit aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern hervorgingen. Trotz hoher Strafen für verbotene Kontakte wurden viele Kinder aus diesen Beziehungen geboren und waren „trotzdem da“.

Sozialgeschichtlich ist dieser Aspekt der verbotenen Beziehung bislang kaum wissenschaftlich erfasst; ein Umstand, der diese Ausstellung einzigartig macht. Sie wurde von der Stiftung Lager Sandbostel 2023 konzipiert und mittlerweile an zahlreichen Ausstellungsorten gezeigt.

Das Schulmuseum Friedrichshafen nimmt die in den Blick, auf die jede Diktatur zielt: die Kinder und Jugendlichen. Bereits seit März arbeitet ein neuer Themenraum die allgegenwärtige nationalsozialistische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen auf. Die Ausstellung „Jugend unterm Hakenkreuz“ zeigt, wie umfassend und effektiv Jungen und Mädchen der Rassenhass der Nationalsozialisten anerzogen wurde und wie die NS-Indoktrination alle Lebensbereiche durchzog, um über die Jugend ein „neues Volk“ zu schaffen.

Der Aggressivität, die der Angriffskrieg ab Herbst 1939 brauchte, konnten deutsche Kinder nicht entkommen: Die zerstörerischen und menschenfeindlichen Ideologien kamen direkt aus dem Radio nach Hause und die nationalsozialistische Autorin Johanna Haarer erzog die „deutsche Mutter“ zu Härte gegenüber ihren Kindern. Die Hitlerjugend und der Bund deutscher Mädel wurden zur Pflicht für Kinder und Jugendliche, die dort im Geiste des Nationalsozialismus erzogen wurden.

Die Ausstellung zeigt aber auch die Jugendlichen, die nicht mitmachen wollten; die Flugblätter gegen Hitler verteilten, die Botschaften schmuggelten oder einfach nur den verbotenen Swing hörten. Und die Vielen, die nicht mehr mitlernen durften, die fliehen mussten, die nicht die richtige Abstammung, nicht die richtige Gesinnung vertraten, die nicht ausreichend gesund waren, die verfolgt oder ermordet wurden. 

Gefühlte Wahrheiten bestimmen bis heute das Bild der Zeppeline als nostalgisch verklärte Technik. Anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums stellt sich das Zeppelin Museum seiner eigenen Geschichte und arbeitet die Verstrickungen zwischen der politischen Nutzung von Zeppelinen und dem NS-Staat erstmals umfassend auf. In der Sonderausstellung „Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus“ verbindet das Museum diese kritische Aufarbeitung mit Formaten der Medienkompetenz und der politischen Bildung. Leitend sind dabei „gefühlte Wahrheiten“, ein Phänomen, das auf subjektiven, emotionalisierten Annahmen beruht: Aussagen, die irgendwo schon einmal gehört und nicht hinterfragt werden, die sich im Laufe der Zeit verstetigt und belegbare Fakten konsequent verdrängt haben. Sie ziehen sich als Leitfaden durch Ausstellung und Museum und dienen als Gerüst, um verklärende Erzählungen der Zeppelingeschichte zu dekonstruieren.

Unter anderem sind die politisch instrumentalisierten Fahrten der Zeppeline Teil der Ausstellung, wie die Wahlpropagandafahrt 1936, die Fahrt zu den Olympischen Spielen im selben Jahr oder die „Sudetenfahrt“ im Zusammenhang mit der Annexion des Sudetenlandes. 

Eine bild- und medienkritische Auseinandersetzung mit historischem Material geschieht durch die künstlerische Position von Jonas Englert, dessen Arbeit CULT [Zeppelin] (2026) durch RE-SEARCH. Das ZF-Forschungsstipendium der ZF Kunststiftung gefördert wird. Die mehrkanalige Videoarbeit dekonstruiert den Zeppelin als Projektionsfläche kollektiver Vorstellungen, derer sich insbesondere der Nationalsozialismus bedient. Englerts medienkritischer Ansatz wird in der Vermittlungsarbeit der Ausstellung aufgegriffen, die Besucherinnen und Besuchern notwendige (Medien-) Kompetenzen vermittelt, wie eine quellenkritische erinnerungskulturelle Annäherung an die Vergangenheit gestaltet werden kann. Zahlreiche interaktive digitale Vermittlungsstationen lenken der Blick auch in die Gegenwart und ziehen Parallelen zu Massenerlebnissen oder gezielter Beeinflussung über moderne Medien.

Die Ausstellung wird ergänzt durch ein umfangreiches Begleitprogramm; darunter Tandem-Führungen und Vorträge in den Reihen OPEN HOUSE und OPEN HOUSE ONLINE.  Außerdem ist zur Ausstellung ein Begleitband erschienen, der auch neue Forschungsergebnisse dokumentiert und weitere Forschung anstoßen soll.

„Der Appell ‚Grabe, wo du stehst!‘ richtet sich nicht nur an Historikerinnen und Historiker. Er richtet sich an alle“, sagt Dr. Anita Huhn, Leiterin des Amts für Kunst und Kultur. „An alle, die in Friedrichshafen leben, arbeiten oder zur Schule gehen. Die Ausstellungen, Rundwege und Initiativen, die 2026 in der Stadt zusammenwirken, machen dieses Graben leicht: Die Geschichte liegt nah und wir müssen sie uns nur ansehen.“

Alle Veranstaltungen sind im städtischen Online-Kalender unter www.friedrichshafen.de/erinnert-sich zu finden.