Vortrag mit Bernd Reichelt und Katharina Witner

Welche Rolle spielte die Heilanstalt Zwiefalten in der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik? Und was lässt sich heute noch über die Menschen erfahren, die dieser Politik zum Opfer fielen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der erste Vortrag des Stadtarchivs Friedrichshafen zu diesem Thema am Dienstag, 15. September um 18 Uhr.

Männer bei der Feldarbeit, im Hintergrund Kirchtürme
Arbeiter auf einem Feld vor Münster (Foto: ZfP Südwürttemberg)

Im Rahmen der Ausstellung „Psychiatrie und Nationalsozialismus im deutschen Südwesten am Beispiel Zwiefalten 1933–1945“ sprechen Dr. Bernd Reichelt und Katharina Witner im Stadtarchiv Friedrichshafen, Katharinenstraße 55.

Dr. Bernd Reichelt widmet sich dem Thema „Die mehrfache Funktionalität. Die Heilanstalt Zwiefalten im Kontext der ‚Aktion T4‘ und der weiteren Verfolgungs- und Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus“.

Die staatliche Heilanstalt Zwiefalten am Südrand der Schwäbischen Alb nahm aufgrund ihrer Lage eine Schlüsselrolle im nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungssystem ein. Durch die räumliche Nähe zur bei Münsingen gelegenen „Euthanasie“-Tötungsanstalt Grafeneck wurde Zwiefalten für etwa 1.500 Patientinnen, Patienten und Pfleglinge staatlicher, kirchlicher oder privater Einrichtungen zu einer sogenannten „Zwischenanstalt“ auf ihrem Weg in den Tod.

Doch mit dem Ende der Morde in Grafeneck im Dezember 1940 endete die Verfolgung nicht. Weitere Deportationen führten in die hessische Tötungsanstalt Hadamar.

Nach dem Ende der „Aktion T4“ wurde Zwiefalten im Herbst 1941 vom Innenministerium zur Pflegeanstalt ernannt. Im Rahmen der herbeigeführten Zustände und der dezentralen „Euthanasie“ sollten bis zum Ende des Krieges noch zahlreiche Menschen in Zwiefalten den Tod finden.

Luise Fuß: Eine persönliche Geschichte

Katharina Witner richtet den Blick anschließend auf das Schicksal von Luise Fuß. Sie wurde 1902 in Ebingen auf der Schwäbischen Alb geboren und 1940 im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion „T4“ in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet.

Über viele Opfer der sogenannten „Euthanasie“ ist heute nur wenig bekannt. Für Forschende und Nachkommen ist es daher meist schwierig, diese Menschen näher kennenzulernen. Während des Nationalsozialismus wurden Krankenakten nur sehr knapp geführt. Ende 1944 wurde zudem ein Großteil der Dokumente vernichtet. Die erhaltenen Einträge sind häufig in einem abwertenden Sprachstil verfasst. Viele Patientinnen und Patienten konnten außerdem selbst keine Angaben zu ihrer Biografie und ihrem Erleben machen.

Bei Luise Fuß ist die Quellenlage ungewöhnlich umfangreich. Neben ihrer erhaltenen Krankenakte gibt es ihr Jugendtagebuch, einen Reisepass, die Erinnerungen ihres jüngsten Sohnes Werner sowie mehrere Briefe an ihre älteste Tochter Dora. Diese Briefe schrieb Luise Fuß in den 1930er Jahren aus den Heil- und Pflegeanstalten Rottenmünster und Weissenau.

Zahlreiche Auszüge aus ihrem Tagebuch und ihren Briefen ermöglichen einen besonderen Blick auf ihr Leben. Katharina Witner versucht, Luise Fuß aus ihrer eigenen Perspektive sichtbar zu machen – und sie durch ihre eigenen Worte selbst sprechen zu lassen.

Der Vortrag stellt damit nicht nur die Rolle der Heilanstalt Zwiefalten im nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungssystem in den Mittelpunkt, sondern gibt zugleich einem einzelnen Opfer eine persönliche Stimme.

Bereits jetzt vormerken: Am Mittwoch, 30. September, 18 Uhr, gibt es einen weiteren Vortrag mit Thomas Stöckle mit dem Thema „Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung“.