Mittwoch, 25. Mai 2022

„Nachhaltigkeit lohnt sich“

Investitionen in die nachhaltige Ausrichtung von touristischen Betrieben und Destinationen rechnen sich in vielfacher Hinsicht. Darüber herrschte breite Einigkeit bei den Teilnehmenden einer Videosprechstunde „Frag die TMBW“. Mit einer nachhaltigen Ausrichtung könne man nicht nur Klima und Umwelt schonen sowie eine wachsende Nachfrage auf Gästeseite bedienen. Auch wirtschaftlich lohne sich eine entsprechende Investition fast immer, nicht zuletzt in Zeiten explodierender Energiepreise.
Logo „Echt nachhaltig“

Zum Auftakt der Videosprechstunde diskutierte TMBW-Geschäftsführer Andreas Braun mit zwei Fachleuten aus der Praxis: Ute Stegmann von der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH (DBT) berichtete von der kürzlich eingeführten Marke „Echt Nachhaltig Bodensee“. Klaus-Günther Wiesler, Geschäftsführer des gleichnamigen Seehotels Wiesler am Titisee und Vorsitzender der Fachgruppe Tourismus und Hotellerie beim DHOGA Baden-Württemberg, gewährte Einblicke in seine jahrzehntelange Erfahrung in einem nachhaltigen Wellnesshotel.

Am Deutschen Bodensee habe man sich 2021 bewusst „auf den Weg gemacht“, so Stegmann, ohne erst jahrelang an einem Konzept zu feilen und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die neue Marke sei daher auch kein Zertifikat, sondern bündele Angebote aus der Region, die entweder bereits zertifiziert sind oder sich gegenüber den Kriterien und Prinzipien der Marke verpflichten. Damit wolle man einerseits Gäste informieren und für einen nachhaltigen Aufenthalt gewinnen. Andererseits helfe das Projekt auch, die positiven Effekte der Branche ins Bewusstsein der Menschen vor Ort zu bringen. „Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns eine gute Möglichkeit, die Tourismusakzeptanz bei den Einheimischen zu fördern“, sagt Ute Stegmann. Erstmals könne man ganz konkret zeigen, dass der Tourismus vor Ort viel Gutes bewirkt. Man werde dadurch als DMO bei der Bevölkerung aus einem neuen, positiven Blickwinkel wahrgenommen.

Klaus-Günther Wiesler investierte erstmals 1981 in eine nachhaltige Modernisierung seiner Heizungsanlage. „Damals hat das noch niemand nachhaltig genannt“, sagt der Hotelier, der nach und nach zum Pionier auf diesem Gebiet wurde. 40 Jahre später können seine Gäste ihren gesamten Aufenthalt CO2-neutral gestalten und sogar die Anreise mit dem PKW kompensieren, wenn sie das wollen. Er ist davon überzeugt, dass seine Gäste diese Ausrichtung schätzen, sein Haus als fairen Betrieb wahrnehmen, der sich vom schnellen Profit abhebt. „Nachhaltigkeit ist somit auch ein Wettbewerbsvorteil, so etwas wie die Kirsche auf der Sahnetorte“, sagt Wiesler. Als Unternehmer ist ihm außerdem wichtig, dass sie sich auch ökonomisch auszahlt: „Nachhaltigkeit lohnt sich, jede einzelne Investition“.

In der anschließenden Diskussion ging es auch um den Nutzen von Zertifizierungen. Bei der vorhandenen Vielfalt an Zertifikaten müsse man nicht alles neu erfinden, so der allgemeine Tenor. Gleichwohl können Zertifikate helfen, um dem Gast Orientierung zu geben oder auch den eigenen betrieblichen Prozess zu mehr Nachhaltigkeit begleiten zu lassen. Klaus-Günther Wiesler empfiehlt anderen Unternehmen, sich zunächst an den Leitsätzen der vom Land Baden-Württemberg entwickelten WIN-Charta zu orientieren: „Dieses Qualitätssiegel besitzt eine hohe Strahlkraft und ist wirklich für jeden Betrieb machbar. Im Gegensatz zu anderen Zertifikaten ist es sogar kostenlos.“

Wie groß das Interesse an Nachhaltigkeit in den Destinationen und Betrieben in Baden-Württemberg ist, zeigt das Ergebnis einer Umfrage, die im Rahmen der Videosprechstunde durchgeführt wurde. Demnach engagieren sich bereits 95 Prozent der insgesamt 20 Befragten für mehr Nachhaltigkeit, wobei die allermeisten (75 Prozent) nach eigener Auskunft noch ganz am Anfang stehen. Auch bei den geplanten Investitionen zeichnet sich ein stärkeres Engagement ab: 65 Prozent möchten künftig etwas mehr investieren, 25 Prozent sogar deutlich mehr. Das Thema Nachhaltigkeit wird Baden-Württembergs Tourismusschaffende somit auch in Zukunft intensiv beschäftigen.