Dienstag, 27. August 2019

Ein Gesicht für die Obstplantage

Kampagne mit Produzentenfamilien soll Passanten darauf aufmerksam machen, dass auch nur ein geklauter Apfel weniger Lohn bedeutet.
Gruppenbild vor Apfelplantage mit Schilder
Die Produzentenfamilien lächeln den Passanten ab sofort freundlich am Rand ihrer Plantagen entgegen. Oberbürgermeister Andreas Brand (ganz links) und Ortsvorsteher Georg Schellinger (ganz rechts) haben sich von Jonas, Felix und Hubert Knoblauch, Manuela Hänsch, Michael Katzenmaier und Martin Bauer (von links) die ersten aufgehängten Schilder der Kampagne zeigen lassen.

Die Obstbauern in Friedrichshafen können vermutlich alle absurde Geschichten erzählen, was ihnen schon passiert ist, wenn sie Leute auf frischer Tat beim Obstklauen erwischt haben. Manche Geschichte lässt sich an Dreistigkeit kaum überbieten. Um auf das Thema aufmerksam zu machen und den Produzentenfamilien ein Gesicht zu geben, hat die Stadt gemeinsam mit einigen Landwirten eine Schilderkampagne entwickelt. Am Wegrand lachen an einigen Plantagen jetzt die Gesichter der produzierenden Landwirte.

Entstanden ist die erste Idee zur Kampagne bereits 2017. Damals, als es so kalt war und der Frost so schlimm, stieg der Obstpreis extrem an und damit auch der Diebstahl. Seither ist es auch immer wieder Thema der Landwirtschaftsgespräche mit Oberbürgermeister Andreas Brand. Einem Obstbauern wurden zum Beispiel in einer Nacht 15 Kirchbäume abgeerntet. Ein enormer Schaden.

In diesem Jahr konnten die Schilder bei den ersten Produzentenfamilien angebracht werden: beim Obsthof Knoblauch in Berg und bei Bauer Baur in Meistershofen.

Manche Leute kennen die Bauern ganz genau. Da würde dann erklärt, dass die Äpfel vom Boden aufgesammelt wurden. Das fachkundige Auge erkenne aber sofort, dass das Obst direkt vom Baum komme. „Letztes Jahr wurden mir sogar die Hagelnetze bei den Kirschen zerschnitten“, sagt Hubert Knoblauch. Martin Baur ergänzt: „Dieses Jahr haben sie mir den Johannisbeerzaun aufgeschnitten.“

Viele der vorderen Bäume und teilweise sogar ganze Baumreihen sind leer, gerade auch da, wo Wander- und Radwege vorbeilaufen. „Auch wenn jeder nur einen Apfel mitnimmt und 100 vorbeikommen, sind es letztendlich 100 Äpfel“, sagt Martin Baur. Im Laden würde man schließlich auch keinen Artikel mitnehmen. Bei ihm herrscht inzwischen ein striktes Betretungsverbot. „Es ist ein Teil vom Lohn. Wir arbeiten das ganze Jahr dafür und da fehlt einfach der Respekt. Wenn jemand das von seinem Lohn abgeben müsste, würde man demonstrieren gehen“, sagt Junglandwirt Michael Katzenmaier, der zwar noch kein Schild hat, die Probleme aber genauso kennt.

Landwirte können Schilder kostenlos anfordern

Neben den Porträt-Schildern der Produzentenfamilien gibt es auch noch ein rotes Schild, das darauf hinweist, dass es verboten ist, Obst zu pflücken. Die Landwirte können die Schilder an den Brennpunkten ihrer Plantagen anbringen. Außerdem gibt es noch ein grünes Schild, dass das Obsternten ausdrücklich erlaubt. Diese Schilder hängen an den öffentlichen Obst- und Nussbäumen der Stadt. „Überall dort, wo die grünen Schilder mit einem Apfel in einer Hand angebracht sind, darf gepflückt werden. Da waren wir mit den städtischen Baubetrieben einen ganzen Tag unterwegs“, sagt Manuela Hänsch, von der Abteilung Landschaftsplanung und Umwelt, die das Projekt betreut. „Damit reagieren wir auch auf Anfragen der Bürger, wo auf öffentlichen Flächen Obst genommen werden darf.“

Die Schilder gibt es kostenfrei bei der Abteilung Landschaftsplanung und Umwelt. Die Bäume, von denen geerntet werden darf, sind ab sofort auf der Internetseite www.mundraub.org/map zu finden. Die Kampagne soll das Bewusstsein für den nicht erlaubten „Mundraub“ sowie den Wert landwirtschaftlicher Produkte stärken. Und die Schilder zeigen bereits Wirkung: „Es hat mich gefreut, dass die Leute mich schon zweimal angesprochen haben“, sagt Hubert Knoblauch.

Andere Sorgen derzeit noch dringender

Dadurch, dass der Obstpreis im Vergleich zu 2017 wieder gesunken ist, ist auch der Diebstahl wieder etwas zurückgegangen und die Obstbauern quält eine andere Sorge: das Volksbegehren „Artenschutz“, das unter dem Namen „Rettet die Bienen“ läuft. Sie nutzten die Gelegenheit, um Oberbürgermeister Andreas Brand davon zu berichten: „Der Gesetzesentwurf ist sehr undefiniert und es wurde sehr viel Spielraum gelassen. Das Thema Artenschutz zielt nur auf die Landwirtschaft ab. Uns macht zum Beispiel Sorgen, dass in dem Entwurf drin steht, dass man die Pflanzenschutzmittel um 50 Prozent reduzieren soll und in Schutzgebieten gar keine mehr eingesetzt werden dürfen“, erklärt Michael Katzenmaier im Gespräch mit dem Oberbürgermeister. Sie würden schon jetzt nur noch gezielte Pflanzenschutzmaßnahmen ergreifen und eine weitere Reduzierung sei nicht möglich. Und viele der Felder und Plantagen in Friedrichshafen lägen im Landschaftsschutzgebiet.

Auch die geforderten 50 Prozent Ökolandbau seien nicht umsetzbar, weil es dafür vor allem nicht genug Nachfrage gäbe. Es sei auch nicht so einfach, auf Ökolandbau umzustellen. Wenn man zum Beispiel mit einem Verbandssiegel zertifiziert werden möchte, müsse man zwei Jahre nach den Ökolandbaurichtlinien produzieren, bekomme aber nur den konventionellen Preis. Im Ökolandbau seien die Anbaukosten aber etwa 25 bis 30 Prozent höher. Erst nach den zwei Jahren fängt dann der Zertifizierungsprozess für ein Verbandssiegel an. „Das Thema Klimawandel bekommen wir genau mit. Unsere Bäume blühen zum Beispiel immer früher. Wir sind alles Landwirte und wir müssen auch zusammenhalten“, so Katzenmaier, der mit der Volksbegehren die Zukunft des Obstbaus am Bodensee und seine Existenz bedroht sieht.

Was sich die Obstbauern wünschen, ist vor allem Rückendeckung, nicht nur von der Stadt sondern auch von der Gesellschaft. Mit ihren Argumenten konnten sie Oberbürgermeister Andreas Brand überzeugen, der zusagte, die Ideen und Initiativen der Obstbauern weiter zu unterstützen.

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