Dienstag, 21. August 2018

Landwirtschaft und Naturschutz schließen sich nicht aus

Mehr Rinder gegen das Insektensterben – Galloway-Rinder beweiden städtische Ausgleichsflächen
Jürgen Sittner und Benedict Strohmaier (von links) setzen als junge, innovative Landwirte alte Haltungsformen ein und pflegen mit ihren Galloway-Rindern gleichzeitig eine städtische Ausgleichsfläche.
Jürgen Sittner und Benedict Strohmaier (von links) setzen als junge, innovative Landwirte alte Haltungsformen ein und pflegen mit ihren Galloway-Rindern gleichzeitig eine städtische Ausgleichsfläche.

Früher, als Weidehaltung üblich war, standen auf den Wiesen in und um Friedrichshafen deutlich mehr Nutztiere als heute. Inzwischen haben sich die Märkte aber so verändert, dass kaum noch Rinder oder auch Schafe zu sehen sind. Viele Landwirte sind darauf angewiesen, jeden Zentimeter ihrer Flächen zu bewirtschaften. Auch wenn dabei auf die Nachhaltigkeit geachtet wird, kommt der Naturschutz oft zu kurz und die Artenvielfalt leidet darunter. Doch es gibt auch andere Modelle, die Landwirtschaft und Naturschutz verbinden.

Heutzutage steht das normale Durchschnittsrind vor allem im Stall. Nicht so bei Benedict Strohmaier und Jürgen Sittner. Die beiden Nebenerwerbslandwirte haben sich für eine alternative Art der Rinderhaltung entschieden. Sie erzeugen hochwertiges Fleisch und pflegen gleichzeitig die Landschaft. Und die profitiert enorm davon, dass die kleine Galloway-Rinderherde auf ihr herumtrampelt. Erst seit dem vergangenen Jahr leben ein Bulle, drei Kühe und seit Kurzem zwei Kälbchen im Winter auf einer privaten Streuobstwiese und über den Sommer auf einer städtischen Wiese im Mühlbachtal. Seitdem gibt es deutliche Veränderungen: mehr Blumen, die länger blühen und mehr Insekten. Das liegt daran, dass die Tiere nicht nur die Pflanzen langsam abfressen und die Bodenstruktur lockern, sondern auch die Samen weitertragen.

Die Galloway-Rinder, die ursprünglich aus Schottland stammen, sind anspruchslos was ihre Nahrung betrifft, lieber draußen als im Stall, haben gute Muttereigenschaften, sind effiziente Futterverwerter und geradezu ideal für die Ganzjahresweidehaltung. Außerdem haben sie unempfindliches schwarzes Horn an den Hufen, dafür von Natur aus keine Hörner am Kopf, was den Umgang leichter macht. „Wir wollten Tiere mit ruhigem Gemüt, friedlich und robust“, erklärt Jürgen Sittner ihre Wahl. Außerdem sind die Tiere mit bis 600 Kilo nicht ganz so schwer, sodass der Boden keine Schäden davonträgt. Nur Zug mögen die Rinder nicht und haben deshalb in ihrem Winterquartier – einer Wiese etwa einen Kilometer entfernt – einen Unterstand. Jetzt im Sommer suchen sie dafür nach Schatten und das kleine Waldstück, das an ihre Weide angrenzt, bietet sich gut dafür an.

Naturnahe Beweidung nennt sich dieses Konzept, das die Stadtverwaltung in Zukunft noch ausbauen möchte. Ziel ist es, die verschiedenen Flächen, die oft aufwändig zu nutzen sind, mit der Beweidung umweltfreundlich, relativ einfach und günstig pflegen zu lassen. Sowohl die Stadt als auch regionale Betriebe sollen davon profitieren. Im Fall von Benedict Strohmaier und Jürgen Sittner haben die beiden einen Platz für ihre Tiere und die Stadt eine gepflegte Ausgleichsfläche, geregelt über einen Pflegevertrag.

Unkonventionelle Landwirte im Nebenerwerb

Jürgen Sittner und Benedict Strohmaier sind unkonventionell und keine typischen Vollerwerbslandwirte. Das heißt aber nicht, dass ihr Betrieb nur ein Hobby ist. „Wir sind zwar Bauern ohne Hof“, sagt Strohmaier scherzhaft, „wir wissen aber schon genau, was wir tun.“ Beide haben Agrarwirtschaft studiert, arbeiten hauptberuflich aber im Landtechnikbereich und in der Verwaltung und haben ihre Leidenschaft zum Nebenberuf gemacht. Es soll sich rentieren. „Sonst wäre es ein ziemlich teures Hobby“, sagt Benedict Strohmaier. „Wir wollen mit unserem Betrieb zukunftsfähig sein und gewinnbringend wirtschaften. Die Landschaftspflege ist dabei ein weiterer Betriebszweig für uns.“

Ganz so einfach ist die Landwirtschaft im Nebenerwerb allerdings nicht. Die jungen Landwirte, beide Anfang 30, haben im Grunde gerade erst begonnen. Seit sechs Jahren arbeiten sie zusammen, haben seither viel investiert und sind stetig gewachsen, um effizient wirtschaften zu können. Auf einigen Hektar Ackerflächen bauen sie nach den „Bioland“-Richtlinien neben Getreide und Mais auch seltene Kulturen wie Sojabohnen und Buchweizen an. Da die beiden keinen Hof haben, sind sie auf nette, gute Kooperationen angewiesen. Bei den Familien Benz in Riedern und Schraff in Schnetzenhausen dürfen sie zum Beispiel Geräte unterstellen. Die Nutztiere sind vergangenes Jahr neu dazugekommen. Irgendwann wollen sie in die Direktvermarktung des Fleisches vor Ort einsteigen. „Das regionale Einkaufen ist besonders wichtig. Es bietet den kleineren Betrieben wieder eine Überlebenschance“, sagt Benedict Strohmaier.

„Eine gute Sache für die Region“

Mindestens einer der beiden fährt täglich bei den Galloway-Rindern vorbei. „Wir schauen, ob alle Tiere zu sehen sind und einen vitalen Eindruck machen und ob sie ausreichend Wasser haben“, sagt Jürgen Sittner. Als Nutztierhalter habe man eine Verantwortung gegenüber seinen Tieren. Nicht nur deshalb haben sie sich dem Anbauverband „Bioland“ angeschlossen. So sind zum Beispiel nur ganz bestimmte Parasitenmittel erlaubt, damit die Tiere nicht krank werden. Das Mittel, das Strohmaier und Sittner nutzen, ist für die Insekten auf der Wiese unschädlich. Oft ist es auch so, dass bestimmte Parasitenmittel zur Falle für die Insekten werden und genau das Gegenteil von dem erreichen, was die naturnahe Weidehaltung bezwecken soll.

Die Regeln, an die sich Benedict Strohmaier und Jürgen Sittner mit ihrem Modell gebunden haben, sind recht streng. Sie sind sich aber sicher, dass es den Tieren besser geht und auch das Fleisch besser wird, da es langsamer wächst. Dennoch sind sie sich bewusst, dass nicht alle für die von ihnen gewählte Art der Bewirtschaftung offen sind:  „Wir wissen, dass da viele Interessen aufeinander prallen, sind aber überzeugt davon, dass es funktioniert. Wenn miteinander geredet wird, möglichst unvoreingenommen und jeder kleine Kompromisse eingeht, dann ist es – denke ich – eine gute Sache für die Region“, so Strohmaier.

Naturnahe Weidehaltung auf städtischen Flächen

Die sogenannte extensive Landwirtschaft ist eine der ältesten Bewirtschaftungsformen und prägte auch die Kulturlandschaft der Region. Sie zeichnet sich durch geringeren Kapital- und Arbeitseinsatz aus und ist meist umweltfreundlicher. Zum Beispiel werden weniger Dünger, nur bestimmte oder gar keine Pestizide und nur wenige Maschinen eingesetzt.

Für überbaute Grünflächen, wie zum Beispiel das neue Gewerbegebiet Kluftern-Süd, muss die Stadt sogenannte Ausgleichsflächen stellen, zu denen auch viele Flächen im Mühlbachtal, nördlich von Schnetzenhausen gehören. Seit zehn Jahren wird dort extensiv bewirtschaftet, ohne Düngung und ohne Einsaat von Futtergräsern, die an dieser Stelle nicht hingehören.

Ziel war es, so mehr Artenvielfalt zu bekommen, doch der Erfolg blieb aus. Deshalb entschied sich die Stadtverwaltung für die extensive Beweidung. Die Tiere fressen die Wiesen langsam ab, eine Strukturvielfalt entsteht und Insekten finden immer Unterschlupf. Der Nutztierkot bietet wiederum Lebensraum für andere Insekten, die als Nahrung für Vögel und Fledermäuse dienen. Bereits nach dem ersten Jahr, sind deutlich positive Veränderungen zu sehen: vielfältigere Blumen und längere Blühzeiten, mehr Schmetterlinge und andere Insekten, Vögel auf Nahrungssuche und mehr Struktur im Boden.

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