Freitag, 12. Juni 2020

Eltern hoffen auf Normalität

Oberbürgermeister Andreas Brand
Porträt Andreas Brand
Andreas Brand, Oberbürgermeister

Liebe Bürgerinnen und Bürger,
Liebe Eltern und Kinder,

die Corona-Pandemie hat uns in den letzten Monaten vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Dass wir wenig neue Erkrankte haben, ist sicherlich den weitsichtigen Entscheidungen und den strikten Regelungen zu verdanken, die in den vergangenen Wochen immer mehr gelockert wurden. Jetzt dürfen sich wieder bis zu 99 Personen zu privaten Veranstaltungen treffen, die Bäder wurden geöffnet und auch die Schulen beginnen am 15. Juni wieder mit dem Präsenzunterricht. Diese Öffnungen sind ohne Frage richtig und wichtig.

Wir denken also an alle, nur unsere Kinder in den Kindertagesstätten und deren Eltern werden scheinbar vergessen. Zum Teil seit drei Monaten gehen die Kinder nicht mehr in die Kindertagesstätten, wenn die Eltern nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten und auch sonst keinen Anspruch auf die Notbetreuung haben.

Ich habe deshalb an Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann geschrieben und sie gebeten, so schnell als möglich, den vollständigen Regelbetrieb in den Kindertagesstätten wieder zu erlauben. Dass er so schnell als möglich wieder anläuft, entlastet die Familien. Ich sorge mich darum, dass sich die Lage bei den Eltern und Kindern zunehmend zuspitzt. Endlich wieder mit Freunden im Kindergarten spielen – darauf müssen viele Mädchen und Jungen teilweise seit 17. März ununterbrochen verzichten.

Die Wiederaufnahme des eingeschränkten Regelbetriebes ab 18. Mai hat den Eltern und Kindern nur bedingt geholfen. Viele unserer 44 Kindertagesstätten kommen schon allein aufgrund der Notbetreuung zwischenzeitlich an die Kapazitätsgrenze der maximal möglichen Belegung von 50 Prozent der regulären Platzzahl. Damit ist das rollierende System für alle anderen Kinder der Einrichtungen nicht mehr möglich und die Kinder müssen nach wie vor zu Hause bleiben.

Immer häufiger erreichen mich verzweifelte Briefe, E-Mails und Anrufe von Eltern, in denen sie ihre schwierige Situation darstellen und uns als Stadt auffordern, zu handeln. Wir können aber erst handeln, wenn uns dazu die erforderlichen Rahmenbedingungen vom Land gegeben werden. Bis dahin können wir die Eltern nur vertrösten. Mir ist bewusst, dass sich der fehlende Kontakt zu Gleichaltrigen negativ auf die Kinder auswirken kann und wird. Und auch die Eltern sind mit ihren Kräften zwischenzeitlich am Ende.

Nachdem in den letzten Tagen und Wochen eine ganze Reihe von Lockerungen und Wiedereröffnungen möglich waren, ist es für die Eltern völlig unverständlich, warum die Kindertagesstätten noch bis Ende Juni geschlossen bleiben sollen.

Für uns ist es unter den vorgegebenen Auflagen ein nicht zu leistender Spagat, den geforderten Gesundheitsschutz für die Kinder sowie die Erzieherinnen und Erzieher zu berücksichtigen und zugleich den Bedürfnissen der Eltern nach einer angemessenen Betreuung ihrer Kinder zu entsprechen.

Ich habe deshalb eindringlich an die Ministerin appelliert, so schnell wie möglich in den vollständigen Regelbetrieb einzusteigen. Nur so ist es möglich, den Eltern und Kindern den Schritt in eine neue Normalität zu ermöglichen.

Lockerungen bergen natürlich immer auch die Gefahr, dass die Menschen das Gefühl haben, die Corona-Krise ist überstanden. Das ist sie leider nicht. Denn jede Öffnung bedeutet auch, dass die Zahl der Neuinfizierten wieder steigen kann. Deshalb kommt es auf uns alle an, die so oft wiederholten Hygieneregeln zu verinnerlichen, allen voran genügend Abstand zu unseren Mitmenschen zu halten.

Die allermeisten von Ihnen haben sich in den letzten Wochen sehr solidarisch und rücksichtsvoll verhalten und den Schutz anderer vor die eigenen Interessen gestellt. Wenn das auch weiterhin so gut gelingt, werden wir weiter gut durch diese Krise kommen.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr

Andreas Brand
Oberbürgermeister