Donnerstag, 13. Juni 2019

Ein Blumenmeer in Ettenkirch

Auf dieser Wiese in Ettenkirch blüht und summt es soweit das Auge reicht. Wiesen-Salbei, Witwenblume, Margeriten oder Flockenblumen: Auf der etwa einen Hektar großen farbenprächtigen Blumenwiese sind viele Arten vorhanden, die zahlreichen Insekten Lebensraum und Nahrung bieten.
Blumenwiese in Ettenkirch
Blumenwiese in Ettenkirch (Foto: Jürgen Jocham)

Auf etwa der Hälfte der Fläche wachsen Bäume in einer Hochstammwiese. Diese Obstwiesen sind die traditionelle Form des heimischen Obstbaus in Friedrichshafen und für die biologische Vielfalt hier besonders wertvoll. Heute sind über 75 Prozent der Bestände im Bodenseeraum verschwunden. Ihre Unternutzung waren oftmals artenreiche Wiesen und Weiden. Schonend genutzte Blumenwiesen beherbergen eine enorme Artenvielfalt. Mehr als ein Drittel unserer heimischen Pflanzenarten haben dort ihr Vorkommen. Nur leider sind diese Wiesen und Weiden in den letzten Jahren selten geworden. Früher war ein Drittel des Landes mit diesem vielfältigen Lebensraum bedeckt, heute sind es nur noch zwei Prozent.

„2016 kam Jürgen Jocham auf uns mit der Idee zu, auf der städtischen Pachtfläche eine artenreiche Wiese mit Hochstämmen anzulegen und zu pflegen. Diese Idee griffen wir gerne auf“, so Erster Bürgermeister Dr. Stefan Köhler.  Jürgen Jocham und seine Familie betreiben einen Hof im Norden von Ettenkirch. Er ist Landwirt und bewirtschaftet mehrere Obstanlagen und Hochstammflächen rund um den Hof. Pirmin Dilger vom Amt für Vermessung und Liegenschaften und Manuela Hänsch vom Amt für Stadtplanung und Umwelt planten dann gemeinsam mit Jürgen Jocham die Ökokonto-Maßnahme. Nach dem Baugesetzbuch in Verbindung mit dem Bundesnaturschutzgesetz muss für Baugebiete in der Regel ein ökologischer Ausgleich erfolgen, indem Flächen anderswo für die Natur aufgewertet werden. Dies können Kommunen mittlerweile auch vor einer Bebauung auf einem „Ökokonto“ umsetzen.

„Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Ausgleichsmaßnahmen für Baugebiete umgesetzt werden und dass diese Lebensräume für Mensch und Natur den größtmöglichen Nutzen haben. Das schaffen wir nur, wenn wir mit der Landwirtschaft hier in Friedrichshafen und ihren Ortschaften eng zusammenarbeiten. Der Betrieb von Jürgen Jocham ist beispielhaft“, sagt Ettenkirchs Ortsvorsteher Achim Baumeister. So kommen in Friedrichshafen keine hochwertigen landwirtschaftlichen Flächen für den Ausgleich in Betracht und die Häfler Landwirtschaft wird bei der Pflege der Ausgleichsflächen mit einbezogen. Die gepachtete Fläche von Jürgen Jocham wurde also zu einer Ökokontofläche. Auf dem vorherigen Acker und der Grünlandfläche säte er eine regionale Wiesenblühmischung und ein Blühstreifen am Wegesrand an. Für die Ergänzung der Obstwiese pflanzte er etwa 50 neue Obstbäume. Für die Pflege der Fläche haben die Stadt und Jürgen Jocham einen dauerhaften Pflegevertrag abgeschlossen. Er pflegt nun über diesen die Bäume, die Wiese und den Blühstreifen und kann Mahdgut und Obst verwerten. An der Fläche führt auch ein Wanderweg vorbei. „ Es ist unglaublich, wie oft Fußgänger oder Radfahrer an der Fläche anhalten und Fotos mit dem Handy machen,“ sagt Jocham. Für dieses Jahr hat er die Wiese bereits zum ersten Mal gemäht. Unsere Wiesen sind ein Kulturgut, haben sich durch die Hand des Menschen entwickelt und müssen irgendwann gemäht werden. Für manch einen ist es erschreckend, wenn das Blumenmeer plötzlich unterm Mähwerk verschwindet. Doch ohne die pflegende Mahd würde die artenreiche Wiese im Lauf der Zeit von Büschen und Bäumen besiedelt werden und in Wald übergehen.

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