Mittwoch, 27. Januar 2021
Kategorie: Gestaltungsbeirat

Baukultur in Friedrichshafen fördern

Mit einer umfassenden Baukultur-Initiative will die Stadt Friedrichshafen die lokale Baukultur stärken, das öffentliche Bewusstsein für Baukultur im Alltag schärfen sowie das Stadtgrün fördern und die stadtbildprägende Bausubstanz erhalten.
Baukulturpreis Medaillie

Teile der Baukultur-Initiative sind die Einrichtung eines institutionellen Gestaltungsbeirats inklusive Geschäftsstelle, das Veranstaltungsformat „Standpunkte“, die Erfassung und Vermittlung von besonders erhaltenswerter Bausubstanz, eine Baukulturzeitschrift sowie die lokalen Auszeichnungsverfahren „Baukulturpreis Friedrichshafen“

Im Vergleich zu den meisten Städten Europas hat Friedrichshafen, eine Mittelstadt am Bodensee mit etwa 60.000 Einwohnern, ein jugendliches Alter, die Stadt wurde erst 1811 von König Friedrich von Württemberg gegründet. Von der überschaubaren historischen Bausubstanz wurde im Zweiten Weltkrieg ein beachtlicher Anteil von rund 80 Prozent zerstört, darunter der Altstadtkern. Der Umgang mit „besonders erhaltenswerter Bausubstanz“ (bEB) ist in Friedrichshafen deshalb von großem öffentlichem und politischem Interesse.

Auszug aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK)

„Baukultur und Stadtgestaltqualität haben einen hohen Stellenwert. Die Stadt wirkt darauf hin, historische Bausubstanz zu bewahren und nutzt dafür ein Kataster schützenswerter Gebäude, das die besonderen Voraussetzungen in Friedrichshafen berücksichtigt.“

Die Stadt Friedrichshafen hatte in den Jahren 2016 bis 2018 gemeinsam mit der Bürgerschaft und Verbänden und Institutionen ein Integriertes Stadtentwicklung Konzept (ISEK) erarbeitet, in dem sowohl ein „bewussterer“ Umgang mit „besonders erhaltenswerter Bausubstanz“ (bEB) als auch die Einrichtung eines Gestaltungsbeirates empfohlen wurden. Im Jahr 2019 wurde die Vergabe einer Studie zur Ermittlung von „bEB“, die aktuell „Corona-bedingt“ auf Halten gestellt ist, vom Gemeinderat beschlossen. Der Beirat für Architektur und Stadtgestaltung (Gestaltungsbeirat) und dessen Geschäftsstelle bilden seit Februar 2019 das Fundament der Initiative zur Förderung der lokalen Baukultur. Der Gestaltungsbeirat ist ein kostenloses Beratungsangebot der Stadt Friedrichshafen für Bauherren und Architekten. Das unabhängige, interdisziplinär besetzte Expertengremium besteht aus vier renommierten Sachverständigen aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur unter Vorsitz des ehemaligen Präsidenten der Architektenkammer Baden-Württemberg, Herrn Wolfgang Riehle.

Daneben initiierte die Stadt Friedrichshafen weitere Programmpunkte zur Förderung der lokalen Baukultur:

  • Mit der Vortragsreihe „Standpunkte“ wurde ein erfolgreiches Veranstaltungsformat etabliert. Das neue Format bietet eine Plattform zum einen für Werkberichte, anhand derer sich die Gestaltungsbeiräte der interessierten Öffentlichkeit vorstellen, zum anderen werden in Kooperation mit der Architektenkammer Kammergruppe Bodenseekreis Vorträge zu aktuellen Themen wie „Nachhaltigkeit“ oder „Bauen im und mit Bestand“ organisiert, die für Architekten und Stadtplaner auch als Fortbildung anerkannt werden. Im Anschluss an die Veranstaltungen bietet ein Aperó die Gelegenheit für gemeinsamen Austausch und Vernetzung der lokalen Bauakteure und Baukultur-Interessierten.
  • Die stadteigene Zeitschrift für Baukultur, Architektur und Stadtgestaltung bietet in ihrer ersten Auflage 2020 einen Einblick in die Arbeit des Gestaltungsbeirats sowie die zahlreichen Projekte zur Förderung der Baukultur in Friedrichshafen. Das in Zukunft etwa jährlich erscheinende Format informiert auf etwa 50 Seiten über aktuelle Projekte aus dem Gestaltungsbeirat, Inhalte aus Vortragsveranstaltungen, beispielhafte und ausgezeichnete Gebäude in Friedrichshafen und zur Baukultur auf lokaler und überregionaler Ebene: www.friedrichshafen.de/baukulturzeitschrift
  • Ein weiteres Projekt in der Reihe zur Förderung des Baukulturdialogs in Friedrichshafen ist die Erfassung und Ermittlung der besonders erhaltenswerten Bausubstanz (bEB). Weil in Friedrichshafen ein Großteil der historischen Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, ist der Umgang mit „besonders erhaltenswerter Bausubstanz“ von großem Interesse.
  • Das Stadtbild der Innenstadt ist heute geprägt durch die Architektur der Nachkriegsmoderne der 50er-, 60er- und darüber hinaus der 70er-Jahre. Der Blick der Öffentlichkeit liegt auf den baulichen Relikten der Epochen vor dem Krieg. Einzelne Objekte werden aufgrund ihres Identifikationswertes hochgeschätzt. Die Friedrichshafener Stadtverwaltung will, die besonders erhaltenswerte Bausubstanz vermehrt in den Fokus rücken. Der Gestaltungsbeirat und dessen Geschäftsstelle ist damit beauftragt, die über den Denkmalschutz hinausgehende erhaltenswerte Bausubstanz stufenweise im ganzen Stadtgebiet von externen Dienstleistern erfassen zu lassen und mit der Öffentlichkeit abzustimmen.
  • Als weiterer wichtiger Meilenstein wurde im Dezember 2019 vom Gemeinderat die Auslobung eines lokalen Auszeichnungsverfahrens, dem „Baukulturpreis Friedrichshafen“ beschlossen. Ende September wurde zum ersten Mal, der mit 10.000 Euro dotierte Baukulturpreis der Stadt Friedrichshafen vergeben.

Erster Bürgermeister Dr. Stefan Köhler

„Wir wollen mit dem Baukulturpreis Anreize schaffen, qualitätsvoll zu bauen. Gleichzeitig wollen wir die lokale Baukultur stärken und das öffentliche Bewusstsein für Baukultur im Alltag schärfen sowie das Stadtgrün fördern und die stadtbildprägende Bausubstanz erhalten. Um qualitätsvolle Bauwerke zu schaffen, müssen alle am Bau Beteiligten zusammenwirken. Deshalb würdigt der Preis auch die Leistung der Planer und Planerinnen sowie der Bauherrinnen und Bauherren.“

Die Festrede zum Thema Baukultur bei der Preisverleihung hielt Rainer Nagel, der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur. Hinzu kamen Videobotschaften von Schirmherrn und Oberbürgermeister Andreas Brand, von der Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg, Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, vom Präsidenten der Architektenkammer Baden-Württemberg, Markus Müller und von Stefan Behnisch von Behnisch Architekten in Stuttgart. Im Rahmen der Preisverleihung wurden alle elf eingereichten Projekte in einer Ausstellung gezeigt. Im wegen Corona eingeschränktem Rahmen wurde der Preis auf einer (teil-)öffentlichen Veranstaltung in würdigem Rahmen vergeben.

Das Projekt Wohnbebauung „Allmand Carré“ der Kreisbaugenossenschaft eG Friedrichshafen und der Architektengemeinschaft Hirthe- Lanz Schwager BDA wurde für die gelungene Wohnbebauung mit rund 100 Wohnungen nebst Quartiersraum und Geschäftseinheiten und für die qualitätsvolle und umfangreiche Grünraumgestaltung ausgezeichnet und erhielt eine Bronzeplakette vom Ersten Bürgermeister, Dr. Stefan Köhler.

Darüber hinaus sprach die Jury eine Anerkennung aus, und zwar für die überzeugende Sanierung eines einstigen Truppengebäudes innerhalb der ehemaligen militärischen Liegenschaft Fallenbrunnen. Hier treibt die Stadt die Konversion in ein „Wissensquartier“ voran und die Bauknecht Projekt Fallenbrunnen GmbH aus Fellbach realisierte zusammen mit Hildebrand+Schwarz Architekten über die Gebäudesanierung die Einrichtung der Swiss International School (SIS) an diesem Standort.

Neben der positiven Berichterstattung in den lokalen Medien erfolgte eine Dokumentation des Auszeichnungsverfahrens auf der Webpräsenz unter www.friedrichshafen.de/baukulturpreis.

Weitere Ausstellungen sowie eine Berichterstattung in der nächsten Baukulturzeitschrift sind in Planung.

Alle Bilder