Mittwoch, 24. Juli 2019

Gedenkkonzert erinnert an die Zerstörung der Stadt

Mit einem Gedenkkonzert in der Schlosskirche gedachten rund 250 Besucherinnen und Besucher der Toten und der Zerstörung Friedrichshafens vor 75 Jahren. Das Stadtorchester Friedrichshafen unter der Leitung von Musikdirektor Pietro Sarno präsentierte klangvolle Arrangements von Bach bis hin zu zeitgenössischen Filmmelodien. Nach dem letzten Musikstück „Abendmond“ von Thiemo Kraas bedankten sich die Gäste mit einem lang anhaltenden Applaus bei Musikdirektor Pietro Sarno und den Musikerinnen und Musikern des Stadtorchesters.
Zwei Geistliche sprechen mit Menschen in der Kirche.
Rund 250 Gäste erlebten ein außergewöhnliches Gedenkkonzert in der Schlosskirche mit klangvollen Arrangements des Stadtorchesters Friedrichshafen.

Im Namen von Oberbürgermeister Andreas Brand und seines erkrankten Bürgermeisterkollegen Andreas Köster begrüßte Bürgermeister Dieter Stauber die Gäste an diesem außergewöhnlichen und historischen Ort, der Schlosskirche Friedrichshafen, zum Gedenkkonzert. Das Konzert war der Höhepunkt einer Veranstaltungsreihe, mit der die Stadt an die Zerstörung Friedrichshafens erinnerte. Unter den Gästen waren auch mehrere Zeitzeugen, die die Angriffe auf Friedrichshafen vor 75 Jahren erlebten, Vertreter aus der Politik und des Gemeinderates.

„Einen passenderen Ort als die Schlosskirche könnte es wohl nicht geben, da hier vor 75 Jahren viele Einwohner der Stadt im Kellergewölbe Zuflucht vor den Bombenangriffen suchten. Die Kirche wurde schwer beschädigt als der Dachstuhl brannte“, berichtete Bürgermeister Dieter Stauber.

Wenn wir heute, so Stauber weiter, 75 Jahre nach den schwersten Fliegerangriffen auf unsere Stadt am 28. April 1944 und am 20. Juli 1944 der Geschehnisse gedenken, ist uns klar, dass immer weniger Menschen als Zeitzeugen über die Geschehnisse während des Krieges noch berichten können.

Im Namen der Stadt bedankte sich Bürgermeister Stauber herzlich für die wichtigen Impulse und die daraus folgenden Projekte, in welche sowohl bürgerschaftlich Engagierte wie auch Vertreter städtischer Einrichtungen eingebunden wurden. In einem Rückblick auf die vielen verschiedenen Aktionen zum Gedenken dankte Stauber allen Beteiligten, die sich damit gegen das Vergessen eingesetzt haben.

Er wies darauf hin, dass das Stadtarchiv Friedrichshafen all diese Veranstaltungen mit der Ausstellung „Friedrichshafen/St. Dié – 1944/2019“ begleite. Die Ausstellung ist noch bis zum 13. September im Max-Grünbeck-Haus zu sehen.

Der Zweite Weltkrieg brachte Schrecken und Verderben in beinahe jeden Staat und in zahllose Städte Europas. Die deutsche Wehrmacht wurde mit Motoren vom Maybach Motorenbau und Getrieben von der Zahnradfabrik aus Friedrichshafen ausgerüstet. Weitere Waffen wie Kriegsflugzeuge und Torpedos wurden bei Dornier entwickelt oder getestet. Zwischen 1939 und 1945 wurden rund 15.000 ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge unter teilweise unmenschlichen Bedingungen zu kriegswichtigen Arbeiten in den Friedrichshafener Rüstungsunternehmen gezwungen. Diese Anzahl entspricht ungefähr der, der an die Front abkommandierten männlichen Belegschaft der Rüstungsfirmen und damit über die Hälfte der Einwohnerzahl Friedrichshafens des Jahres 1943. Allein diese Dimensionen verdeutlichen nicht nur das Leid, das die Stadt 1944 erfuhr, sondern auch dessen Ursachen: eine brutale Diktatur, aus dem Ersten Weltkrieg herrührende Revanchegedanken und eine unmenschliche Kriegsführung gegen innere und äußere Feinde.

„Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass wir uns nicht nur erinnern, sondern dass damit auch die Wichtigkeit von Demokratie und Toleranz in dieser Stadt verdeutlicht wird. Nur wenn wir uns erinnern und aktiv und positiv für Verständigung und Frieden einsetzen, kann eine Wiederholung dieser Ereignisse wie vor 75 Jahren dauerhaft vermieden werden“, so Bürgermeister Stauber.

„Wir wollen die Erinnerung wach halten. Wir werden uns immer wieder an die Opfer erinnern, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Wir wollen, dass sich ein solch unvorstellbar grausamer Krieg niemals wiederholen wird“, so Stauber.
Nachdenklich machende und religiöse Impulse gaben Codekan Dr. Gottfried Claß und Diakon Ulrich Föhr. Am Ende wurde gemeinsam für den Frieden gebetet.
Dem Stadtorchester mit seinen klangvollen Arrangements gelang es, ein „Gänsehautgefühl“ bei den Besuchern zu erzeugen. Es war ein Abend der nachdenklichen und doch vernehmbaren Töne, bei dem der Schlussapplaus am Ende umso kräftiger ausfiel.
Am Ende des Konzerts wurden die Besucherinnen und Besucher um eine Spende gebeten. Hier kamen insgesamt 1.200 Euro zusammen, die für die Renovierung der Schlosskirchenorgel verwendet werden.
 

Informationen:
Die Bevölkerung Friedrichshafens sank infolge von Bombardements und Fliegerangriffen innerhalb knapp zweier Jahre drastisch von 28.000 Einwohnern im Jahr 1943 auf ca. 8.000 Personen im April 1945. An die 20.000 Einwohnern wurden evakuiert, entweder in Eigenregie oder organisiert von den Behörden. Schätzungen zufolge schwankt die Anzahl der Todesopfer in Friedrichshafen – Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingerechnet – zwischen 671 und knapp 1.000 Menschen. Eine kurz zuvor noch prosperierende Kleinstadt war durch Luftangriffe im April und im Juli 1944 nicht nur über die Hälfte zerstört, sondern nur noch von weniger als einem Drittel bewohnt.