„Kommt bald wieder – wir warten auf euch!“
Die Abreise der Freunde schien den Polozkern diesmal besonders nahe zu gehen – wer in einem Land zurückbleibt, das wirtschaftlich und politisch derart gebeutelt wird wie derzeit Weißrussland (Belarus), hat wenig positive Perspektiven und nur stark begrenzte Reisemöglichkeiten. Keiner der Gastgeber beklagte dies offen, aber jeder aufmerksame Besucher machte sich seine Gedanken dazu. (siehe dazu eigenen Bericht!)
Immer wieder wurden die Häfler Gäste angesprochen auf die schönen Tage des Partnerschaftsjubiläums im Juni, zu dem eine große Zahl Polozker angereist waren. Vor allem der Festabend im Graf-Zeppelin-Haus und die familiäre Feier mit dem Freundeskreis Polozk hatten alle noch in bester Erinnerung. Beseelt von dem Wunsch, den Reisenden aus Friedrichshafen nun ihrerseits Gutes zu tun, bereiteten ihnen die Verantwortlichen der Partnervereine ein überaus ansprechendes Programm. Den Begegnungen mit den Patenfamilien beim Frauenrat, beim Verein „Strumok“ (den Eltern behinderter Kinder) und dem Tschernobylverein schloss sich jeweils ein Treffen mit den Vorstandsmitgliedern zum Gespräch und einem leckeren Imbiss von Hausfrauenhand an.
Zum kleinen Festakt wurde der Abschluss des Projekts „Hör mal!“, bei dem ein ansehnliches Kulturprogramm die Gäste und einige der schwerhörigen Kinder und Erwachsenen aus dem Projekt liebevoll einbezog. Die Dankbarkeit der Besitzer von neuen Hörgeräten für das neue Erlebnis des Hörens und Kommunizierens zog sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Für den durchführenden Fachmann Andreas Wolter, der leider nicht dabei sein konnte, gab es gar ein eigenes musikalisches Ständchen.
Oberbürgermeister Alexander Posniak empfing persönlich die 15-köpfige Delegation im Rathaus. Für ihn hatten die Häfler, wie bereits im April versprochen, eine große Liste an Vorschlägen zur Förderung des Tourismus dabei. Darunter fand sich auch der Wunsch, mit einem Schiff auf der Dwina fahren zu können. Mit Freude vernahm man, dass bereits an einem kleinen Hafen gebaut wird.
Zahlreiche sinnliche Erlebnisse wurden den Gästen geboten: Ein ländlich-sittlicher Vormittag im Ökologischen Freizeitzentrum mit dem Genuss von Obst und Gemüse, wo auch einige Interessierte ihr eigenes Weidenkörbchen flechten lernten; eine Banja (russische Dampfsauna) mit anschließendem Bad im Moorsee; der Besuch der Operette „Die Czardasfürstin“, von einem Moskauer Theater schwung- und humorvoll dargeboten und die Feier zum Beginn des Schuljahres am 1. September, bei dem eine kleine Erstklässlerin mit der Glocke durch den Schulhof getragen wurde, um das Schuljahr einzuläuten.
Ein interessanter Ausflug führte aufs Land – in das Agrarstädtchen „Nowyje Gorjany“. Der Kindergarten, die Schule und der Kolchosvorsitzende empfingen gastfreundlich die Gäste aus Deutschland, die auch bei der Maisernte auf den Feldern zusehen konnten und anschließend mit einem „kleinen Büffet“ (das in Wahrheit sehr üppig war!) bewirtet wurden. Das Angebot, sich im Dorf anzusiedeln und dafür kostenlos ein eigenes Haus und eine Kuh zu bekommen, nahm allerdings dann doch keiner der Häfler an. Die Landflucht, die auch in Belarus problematisch wird, ist mit deutscher Hilfe bis jetzt noch nicht zu stoppen.
Zu den erfreulichen kamen jedoch auch weniger positive Programmpunkte, wie der Besuch am Grab der 2008 verstorbenen Walentina Owsjankina, die als Vorsitzende des Polozker Frauenrates einen ganz entscheidenden Anteil am Gelingen der Städtepartnerschaft hatte. Niederdrückend und bestürzend war die Besichtigung auf dem Gelände des ehemaligen DULAG 125, eines Konzentrationslager, das die Deutschen am Stadtrand von Polozk zwischen 1941 und 1944 betrieben hatten. Man schätzt, dass etwa 150.000 Menschen unterschiedlicher Nationalität und Religion dort umkamen. Die Polozker sind entschlossen, nach mehreren Anläufen das hochgelegene Feld zu einer würdigen Gedenkstätte umzugestalten. Der Freundeskreis Polozk hatte im Jahr 2004 bereits erfolgreich einen Spendenaufruf für die Beschaffung von Bäumen in dieser Anlage durchgeführt. Man rechnet in Polozk mit einem Finanzierungsbedarf für die neu zu bauende Zufahrt, eine Fußgängerbrücke und die Gesamtanlage von insgesamt 150.000 Euro. Davon ist allerdings erst ein Zehntel durch Spenden und Gehaltsabgaben der Polozker gesichert.
Der Aufenthalt der Häfler in der Partnerstadt endete mit einem geselligen Abschiedsabend, zu dem die Verwaltungsspitze und die Vertreterinnen der Vereine eingeladen waren und der Versicherung, einander möglichst bald wieder zu begegnen. Beladen mit einigen Kilogramm Moosbeeren kamen die Deutschen pünktlich auf die Minute – die Bahn zeigte sich auf der gesamten Reise von der besten Seite - wieder sonntagabends am Stadtbahnhof an. Die disziplinierte Gruppe der „alten Hasen“ hatte von den belarussischen Schlafwagenschaffnern mehrfach ungewöhnliche Komplimente bekommen: „Kollektiv wasch charosche!“ – Ihre Gruppe ist einfach gut! Wer das nicht gerne hört…
Rotraut Binder
Fotos (alle: Jürgen Binder)
Bild 1 - Frühstück im Grünen im Ökologischen Freizeitzentrum
Bild 2 - Abschlussfest „Hör mal!“: Kuh und Maus präsentieren den Verantwortlichen des Projektes jeweils eine Torte mit der Aufschrift „Hör mal!“ in zwei Sprachen. Von links: Galina Waitkewitsch, ehemalige Leiterin der Polozker Kinderpoliklinik; Karl Bachmann, Vorsitzender Freundeskreis Polozk; hinter den Kindern Elena Stepanez, Kinderärztin und Projektleiterin in Polozk; mit rotem Mikrophon Elvira Müller, Vorstandsmitglied des Freundeskreises und Dolmetscherin; Rotraut Binder, Vorsitzende Freundeskreis Polozk.
Bild 3 - Übergabe von Geschenken, u.a. eine Pressedokumentation vom Jubiläum, an Oberbürgermeister Alexander Posniak (ganz rechts). Daneben: Karl Bachmann, Elvira Müller und Rotraut Binder
Bild 4 - Geführte Besichtigung der künftigen KZ-Gedenkstätte des ehemaligen DULAG 125
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