Friedrichshafens Partnerstadt Polozk wird Ende September als erste Stadt Weißrusslands dem Konvent der Bürgermeister beitreten und sich damit auf die Energie- und Klimaschutzziele der Europäischen Union verpflichten. Oberbürgermeister Andreas Brand erwartet seine Kollegen aus Polozk, Salé in Marokko und Murcia in Südspanien zur gemeinsamen Unterzeichnung der Beitrittserklärung. Alle vier Städte kooperieren in dem von der Europäischen Union geförderten Projekt SURE zur nachhaltigen Energieversorgung in Städten der EU-Nachbarregionen.
„In den letzten fünf Jahren hat sich das Benzin um rund 30 Prozent auf über 80 Cent pro Liter verteuert, während sich mein Einkommen durch Wirtschaftskrise und Inflation von Jahr zu Jahr verringert hat“ schildert ein Taxifahrer die Situation vieler Menschen in Weißrussland. Bei einem Durchschnittseinkommen von wenigen hundert Euro im Monat sind auch 80 Cent für den Liter Benzin kaum noch zu bezahlen. Im Rahmen des EU-Projektes SURE unterstützt Friedrichshafen seine Partnerstadt Polozk dabei, sich unabhängiger von teuren Energieimporten aus dem Ausland zu machen.
In Polozk ist der finanzielle Aderlass durch stetig steigende Energierechnungen überall zu sehen. Löcher in Straßen und Gehwegen bleiben ungeflickt, durch undichte, einfach verglaste Fenster vieler städtischer Schulen zieht der Wind, das veraltete Fernwärmenetz des örtlichen Heizkraftwerkes kann nur langsam erneuert werden. An Ideen zur Modernisierung des öffentlichen Gebäudebestands und zur Verbesserung der Energieversorgung in Polozk mangelt es den Kollegen im Rathaus der Partnerstadt nicht. Sie alle finden Eingang in den „Sustainable Energy Action Plan“.
Dr. Tillmann Stottele, Leiter der Abteilung Umwelt und Naturschutz im Amt für Bürgerservice der Stadt Friedrichshafen, hat jüngst an einem Expertentreffen in Polozk teilgenommen, an dem die Energiebilanz Polozks und ein erster Maßnahmenplan zur Energieeinsparung und zur Nutzung erneuerbaren Energiequellen abgestimmt wurde. Diesen Energieaktionsplan vorzulegen ist Pflicht jeder Stadt, die dem „Konvent der Bürgermeister“ beitreten möchte.
Dem Konvent der Bürgermeister haben sich seit 2008 weltweit bereits mehr als 3000 Städte und Gemeinden angeschlossen. Sie alle wollen bis 2020 gegenüber heute 20 Prozent ihres Energieverbrauches einsparen, den Ausstoß des Treibhausgases CO2 um 20 Prozent reduzieren und den Anteil der erneuerbaren Energie auf 20 Prozent des Gesamtverbrauchs erhöhen. 20 – 20 – 20 heißt das Motto, mit dem die Städte nach einer bezahlbaren und verlässlichen Energieversorgung streben und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen.
Die Stadt Polozk möchte ihren Energieaktionsplan schon zum Ende dieses Jahres vorlegen. Unter Leitung von Oberbürgermeister Aleksandr Poznyak veranstaltete Polozk Anfang August ein weiteres Treffen deutscher, spanischer und weißrussischer Experten im Rahmen des SURE-Projektes. Dr. Stottele und sein Kollege Fernando Sanchez Lara aus Murcia moderierten die Vorstellung der Auswertungen und Maßnahmenpläne, welche die spanische Firma BIONET zusammen mit der Stadtverwaltung Polozk und dem Energie-Institut der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Republik Belarus erarbeitet hat. Danach sollen künftig alle städtischen Gebäude einem Energie-Audit sowie Sanierungsmaßnahmen unterzogen werden. Die europäischen Experten besichtigten während ihres Aufenthalts in Polozk die Schule Nr. 16 und die Ambulanz des städtischen Krankenhauses.
„Ich war beeindruckt zu sehen, wie bewusst die Mitarbeiter der besichtigten Einrichtungen mit der Notwendigkeit des Energiesparens umgehen und wie viel sie mit den begrenzten finanziellen Mitteln bewerkstelligen“ fasst Stottele seine Eindrücke gegenüber dem Polozker Fernsehen zusammen, das die Experten auf Schritt und Tritt begleitete.
Für Oberbürgermeister Poznyak hat das Projekt hohe Priorität. In einer mehrstündigen Sitzung ließ er sich von der Expertenrunde jede einzelne Maßnahme des Energieaktionsplans erläutern. Neben Maßnahmen zur Wärmedämmung an städtischen Gebäuden und zur Umstellung der Straßenbeleuchtung auf sparsame LED-Technik möchte er im nächsten Schritt eine Potentialstudie zum verstärkten Einsatz von Sonnenkollektoren zur Brauchwassererwärmung durchführen lassen.
Auch die Anregung von Juan Ros Moreno, Ingenieur der Firma BIONET, möchte er aufgreifen, nach dem Vorbild der Stadt Murcia ein nachhaltiges Mobilitätskonzept zu erstellen. Ein solcher umweltorientierter Verkehrsentwicklungsplan steht auch in Friedrichshafen auf der Agenda. Zwar trägt der Verkehr in Polozk erst 10% zum Energieverbrauch und CO2-Ausstoß bei, doch wird sich dieser Anteil in den nächsten zehn Jahren deutlich erhöhen wenn nicht gegengesteuert wird; in Friedrichshafen sind es heute schon rund 25%, Tendenz steigend. Der von den spanischen Fachleuten angeregte Umstieg aufs Fahrrad stieß bei den Polozker Kollegen angesichts der Wetterverhältnisse im Winter zunächst auf Skepsis. Doch Oberbürgermeister Poznyak ist überzeugt, dass das Fahrrad zumindest in den den wärmeren Jahreszeiten eine echte Alternative ist. Wie in der Landeshauptstadt Minsk sollen deshalb in den nächsten Jahren viele Straßen mit Fahrradwegen oder Radfahrstreifen ausgestattet werden.
Fahrradausflüge könnten auch eine Attraktion für Touristen werden, die Polozks reichhaltiges kulturelles Erbe besichtigen und die Schönheit der umgebenden Natur erleben möchten, ist sich Igor Zagrekov, Abteilungsleiter der Polozker Tourist-Information sicher. Zusammen mit Ivan Shchadranok, Koordinator des SURE-Projektes in Polozk, organisierte er im Anschluss an das Expertentreffen eine Kajaktour mit weißrussischen und europäischen Teilnehmern durch das weit verzweigte Seen- und Flusssystem in der grenzüberschreitenden Tourismusregion „Bella Dvina“, benannt nach der durch Polozk fließenden Dvina. Sie führte Stottele nicht nur zu den Naturschönheiten der Region um Polozk, sondern auch zu einem der im Bau befindlichen Wasserkraftwerke, die schon in Bälde viele Haushalte mit Ökostrom versorgen sollen. „Die Botschaft ist angekommen und ich kann nur jedem einen Besuch in unserer Partnerstadt empfehlen!“ zeigt sich Stottele begeistert von der Gastfreundschaft und dem Engagement in Polozk.
Bildunterschrift:
Bild 1: Besichtigung des Energiemanagements in der Ambulanz der Polyklinik Polozk durch das Expertenteam aus Friedrichshafen, Murcia und Polozk
Bild 2: Kajak-Fahrt auf der „Bella Dvina“ mit dem Wappen der Partnerstadt Polozk
Informationen:
SURE (engl. Sustainable Urban Energy):
„Nachhaltige städtische Energieversorgung in europäischen Nachbarschaftsregionen – zum Konvent der Bürgermeister“ ist ein durch die Europäische Union gefördertes Projekt im Rahmen des CIUDAD-Programms. Das Projekt hat ein Budget von rund 790.000 € und wird über einen Zeitraum von 30 Monaten durchgeführt. Hauptziel des Projektes ist die Entwicklung einer nachhaltigen Energiepolitik in zwei Städten der europäischen Nachbarschaftsregionen (ENPI Süd und ENPI Ost) - Polozk (Belarus) und Salé (Marokko). Projekt-Partner sind die Städte Friedrichshafen (Lead Partner), Murcia (Spanien), Polozk (Weißrussland) und Salé (Marokko) sowie die Commission Interméditerranéenne de la Conférence des Régions Périphériques maritimes (Intermediterrane Kommission der Konferenz der am Rand Europas gelegenen Küstenregionen).
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