Es gibt in Friedrichshafen viele Marktschreier, aber nur eine Marktmeisterin: Kerstin Schmid. Im Gespräch mit den SZ-Redakteuren verrät die 44-Jährige, worauf es bei der Gestaltung eines Marktes ankommt – und welcher der Häfler Märkte wahrscheinlich keine Zukunft mehr hat.
SZ: Frau Schmid, von Ihnen gibt es ein berühmtes Zitat: „Ein Markt ist wie ein Sack Flöhe zu hüten.“ Warum?
Schmid: Flöhe hüpfen durch die Gegend und man muss sie immer wieder einfangen. So ist das auch bei Marktbeschickern, die alle ihre eigene Persönlichkeit haben. Sie sind auch immer sehr spontan und machen auch mal Dinge, die nicht abgesprochen sind. Sie wieder auf eine gemeinsame Linie, die ein Markt braucht, zu bringen, ist ganz wichtig. Der Markt ist eine Gemeinschaft, man muss sich untereinander vertrauen. Die Aufgabe des Marktmeisters besteht darin, eine gemeinsame Basis, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.
SZ: Das Kulturufer steht vor der Tür. Begleitet werden dessen Veranstaltungen von einem Kunsthandwerkermarkt. Nach welchen Kriterien werden die Beschicker ausgesucht und wie viele Bewerber beziehungsweise Plätze gibt es?
Schmid: Schon zu Zeiten meines Vorgänger gab es die Diskussion, ob beim Kulturufer der Kommerz die Kultur überlagert. Als ich anfing, hab ich mir überlegt: Zwei Wochen vor dem Kulturufer haben wir immer das Seehasenfest. Die Händler, die Kappen, Sonnenbrillen oder Sticker – also alles, was zu einer fröhlichen, kunterbunten Kirmesveranstaltung gehört – verkaufen, sind dort gut aufgehoben. Doch was passt eigentlich zum Kulturufer? Da kam ich auf den Gedanken: Kunsthandwerk – das würde dem großen Thema Kultur nicht widersprechen, sondern sogar unterstützen. Daraufhin hat sich die Auswahl etwas geändert, dahingehend, dass wir nun in erster Linie den Kunsthandwerker, der vor Ort etwas formt, die Zusage geben. Danach kommt der reine Kunsthandwerker dran, der das aus technischen Gründen nicht beim Festival machen kann, seine Sachen aber selber herstellt. Dann kommen die, die etwas entworfen, aber nicht selbst hergestellt haben. Erst dann holen wir den Händler. Wir achten dabei darauf, dass wir eine gesunde Mischung haben, also nicht zu viel Schmuck, nicht zu viele indonesische Kleider. Wir wollen auf jeden Fall weg von den technisch produzierten Massenwaren. Insgesamt können wir rund 45 Plätze vergeben.
SZ: Wer entscheidet denn letztendlich darüber, ob eine Zusage erteilt wird?
Schmid: Beim Kulturufer mache ich das in Eigenregie, weil ich die Händler und deren Produkte kenne. Beim Seehasenfest entscheiden wir das als Gremium im Amt für Bürgerservice, Sicherheit und Umwelt.
SZ: Immer wieder kommt der Vorschlag auf, die teuren Veranstaltungen beim Kulturufer durch Ausweitung des gewinnbringenden Marktes – zum Beispiel in Richtung GZH - besser zu refinanzieren. Wie ist Ihre Meinung?
Schmid: Das ist jetzt schwierig zu beantworten, weil ich mich nicht einmischen will in die Arbeit des Kulturbüros, das das Kulturufer ins Leben gerufen hat. Ich finde, dass wir mit den momentanen 45 Ständen eine gesunde Mischung haben. Es schlagen aber zwei Herzen in meiner Brust, denn als Marktmeisterin müsste ich natürlich sagen: Je größer der Markt, desto toller. Ich weiß aber nicht, ob sich die Besucher bei so vielen Ständen nicht erdrückt fühlen würden. Zumal das Seehasenfest zeigt, dass die Händler in diesem Bereich zwischen Lammgarten und GZH nicht wirklich glücklich sind. Wir würden mit der Erweiterung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft einführen - wer muss hinten stehen, wer darf im vorderen Bereich stehen, der gut eingeführt ist. Ich bin etwas zerrissen in dieser Frage. Ob es die Menge der Stände macht, weiß ich nicht. Die Qualität des Angebots muss auf jeden Fall stimmen.
SZ: Ist es nicht in Zeiten der klammen Kasse sogar geboten, verstärkt zu kommerzialisieren, sprich die Einnahmen zu erhöhen?
Schmid: Das Kulturufer ist für die Beschicker eine sehr günstige Veranstaltung. Für den Standmeter bezahlen sie statt 100 Euro für zehn Tage jetzt 140 Euro, also einen Tagessatz von 14 Euro pro Meter – auf manchen Flohmärkten zahlen sie mehr. Diese Kunsthandwerker leben von Ihrer Kunst und können nicht horrende Standmieten bezahlen. Wenn wir die Standmieten erhöhen, würden wir verstärkt professionelle Händler bekommen, solche, die sich das leisten könnten. So könnte man den Kulturufer-Markt auch kaputt machen. Man muss einfach wissen, wohin man will. Ich gebe zu, dass wir uns auf einer Gratwanderung befinden.
SZ: Neuland haben Sie mit dem Schlemmermarkt betreten. Wie fällt Ihre Bilanz nach vier Monaten aus?
Schmid: Nach vier Monaten kann ich noch keine Bilanz ziehen. Ich kann aber wahrnehmen. Der Schlemmermarkt hat sich gegenüber dem Bauernmarkt visuell verändert, er ist größer geworden, er hat Sitzmöglichkeiten, es stehen nicht mehr so viele Autos rum wie früher. Ich habe den subjektiven Eindruck, dass jetzt viel mehr Besucher als früher kommen. Was mich ein bisschen bedrückt, ist das Durchhaltevermögen der neuen Beschicker. Das Konzept des Schlemmermarkt sah einerseits vor, samstags die Innenstadt zu beleben, andererseits spielten die schwindenden Einkaufsmöglichkeiten eine Rolle. Ich erinnere zum Beispiel an den „Fehl“, mit dem ein gutes Wein- und Käseangebot weggefallen ist. Wir waren der Meinung, dass Bedarf ein einem preislich gehobenen Sortiment vorhanden ist. Diese gute Ware hat ihren Preis. Und jetzt kommen wir an einen Punkt, wo’s kritisch wird.
SZ: Weil die Leute nichts zahlen wollen für gute Ware?
Schmid: Viele Händler können nicht einmal die Anfahrtskosten decken, wenn sie 40 Euro Umsatz machen. Da kann ich’s ihnen auch nicht verdenken, wenn sie nach drei Monaten aufgeben, obwohl sie eine Jahreszulassung haben. Ich versuche immer die Beschicker zu ermuntern und ihnen klar zu machen, dass es eben nicht so einfach ist, einen neuen Markt zu etablieren.
SZ: Was können Sie denn dem Totschlagargument Wirtschaftlichkeit entgegensetzen?
Schmid: Es ist schwierig, klar, wir haben wenig Argumente. Wir erklären den Händlern, dass wir auf Werbung setzen, auf Flyer und gemeinsame Aktionen mit dem Einzelhandel. Wir können allerdings nicht den Häflern sagen: Ihr müsst kaufen. Wir appellieren : Wenn Ihr einen Markt möchtet, müsst Ihr ihn auch unterstützen. Mehr können wir nicht machen. Wir haben ein bestimmtes Segment, das funktioniert, zum Beispiel der Biolandbäcker oder der Allgäuer Käsestand. Andere funktionieren nicht. Das bedeutet: weitere Akquise und Schauen, was zum Markt passt. Wir müssen klein anfangen, bis sich der Markt etabliert hat, dann ist vielleicht eine andere Produktschiene gefragt.
SZ: Das heißt also: Weg vom Rosengelee, hin zum Gemüse.
Schmid: Gemüse nicht, aber vielleicht andere Brotspezialitäten.
SZ: Immer wieder gibt’s große Löcher auf dem Schlemmermarkt.
Schmid: Da komme ich wieder auf das Thema Flöhe. Die Disziplin der Händler ist etwas schwierig. Wenn wir wüssten, dass sie nicht kommen, könnten wir reagieren. Wenn sie wenigstens kurzfristig absagen würden – sie kommen aber einfach gar nicht. Sie ziehen nicht an dem Strick, an dem wir als Marktgemeinschaft alle ziehen sollten.
SZ: Es gibt doch Verträge. Können Sie die Händler nicht mit Konventionalstrafen disziplinieren?
Schmid: Das macht man ungern. Wenn ich jemanden eine Konventionalstrafe aufbrumme, will ich ihn auch nicht mehr als Beschicker haben. Dann muss man sich trennen. Ich appelliere eher an das Verständnis. Wenn gewachsene, familiäre Strukturen da sind, ist es eine Selbstverständlichkeit, zu einem bestimmten Termin zu erschienen.
SZ: Der Gemüsehändler macht morgens seinen Umsatz macht, der Gastronom mittags. So gibt es Interessenskonflikte. Was sagen Sie zu der Kritik, dass die Öffnungszeiten beim Schlemmermarkt überdehnt sind?
Schmid: Es ist eine Marktgemeinschaft, ein Geben und ein Nehmen. Der Gemüsehändler verkauft morgens und hat nachmittags nicht mehr den ständigen Absatz. Die Gastronomen haben morgens nichts zu tun. Es wird bei so einem Markt immer Stunden geben, wo der eine weniger und der andere mehr zu tun hat. Sobald einer anfängt abzubauen, ist der Markt rum. Wir schauen uns jetzt mal an, wie sich alles entwickelt. Die Öffnungszeit von 9 bis 15 Uhr ist keine statische Geschichte.
SZ: Apropos statische Geschichte: Wie schaffen Sie es, Bewegung und Abwechslung in den Vergnügungspark beim Seehafenfest zu bekommen?
Schmid: Zuerst werden die großen Fahrgeschäfte ausgewählt. Da ergibt sich viel durch die Tiefe und die Breite, manche Geschäfte können wir gar nicht stellen. Es gibt Klassiker wie Riesenrad oder Musikexpress, die müssen einfach da sein. Bei identischen Angeboten bekommt der Stammbeschicker den Zuschlag. Das A und O ist Attraktivität. Im Hinteren Hafen haben wir eigentlich jedes Jahr einen Wechsel des Angebots. Wir haben auch die Auflage, jedes Jahr mindestens zehn Prozent neue Fahrgeschäfte reinzubringen.
SZ: Ist es Ihrer Meinung gelungen, den Hinteren Hafen mit dem Rummel an den Rest des Festes örtlich anzubinden?
Schmid: Aus diesem Grund haben wir den Krämermarkt in die Innenstadt auf dem Buchhornplatz verlegt, es braucht jedoch ein paar Jahre, bis sich das eingespielt hat. Früher sind die Leute bei der Fähre rumgelaufen, doch wir waren der Meinung, dass die Innenstadt die bessere Verbindung ist, da ja auch das erste Fahrgeschäft am Marktkauf steht. Ich denke, das bringt auch dem Einzelhandel am Buchhornplatz Umsatz.
SZ: Nach fünf Jähren werden die Biergärten beim Seehasenfest neu ausgeschrieben. Stimmt es, dass es eine neue Konzeption gibt, weniger Biergärten?
Schmid: Da möchte ich nicht vorgreifen. Zunächst brauchen wir das Feedback der jetzigen Wirte. Im Vorfeld des Seehasenfests gab es Klagen darüber, dass es zu viele Biergärten gebe oder sie zu groß seien. Uns sind auch Stimmen zu Ohren gekommen, dass es sich nicht lohne, einen Biergarten zu betreiben – das war allerdings vor dem diesjährigen Seehasenfest, wohlgemerkt. Man muss immer den Mittelwert der fünfjährigen Pachtzeit sehen, deshalb haben wir uns keinen Kopf gemacht, bevor das Seehasenfest rum ist. Dieses Jahr war es für alle Wirte gut und der eine oder andere wird vielleicht doch sagen, dass er ganz zufrieden ist.
SZ: Gibt es Überlegungen, das Angebot zu verändern, zum Beispiel statt eines Biergartens eine Cocktailbar einzurichten?
Schmid: Wenn jetzt zwei Wirte nicht mehr mitmachen wollten, würden zunächst einmal zwei Biergärten wegfallen. Wir schreiben dann eine Biergartenfläche aus, das heißt das aber nicht, dass dort unbedingt ein Biergarten hin muss. Wir bitten um Konzeptionen, das kann dann ein historischer Biergarten oder eine Beach-Lounge sein. Wir lassen der Kreativität freien Lauf. Bestes Beispiel war der Hasenstall von Perterer und John. Sie haben das gemacht, was sie können – und das war wichtig für das Seehasenfest, dass auch die Jüngeren einen Platz gefunden haben, wo nicht so die klassische Bierzeltatmosphäre herrscht.
SZ: Die Biergartenkonzession fürs Seehasenfest gilt gemeinhin als Lizenz zum Gelddrucken. Klagen, dass der Umsatz besser sein könnte, gibt’s immer. Aber hat denn wirklich schon mal ernsthaft ein Wirt erwogen, seine Konzession zurückzugeben oder sich nicht mehr zu bewerben?
Schmid: Solche Äußerungen werden gerne mal aus einer Bierlaune heraus getroffen. Wir hatten den Fall Perterer und John, die ausgestiegen sind, weil sie das Seehasenfest manpower-mäßig nicht mehr stemmen konnten, nachdem sie den WYC übernommen hatten – nicht aus dem Grund, dass sich’s nicht gelohnt hat. Dass einer mitten in den fünf Jahren Pacht aussteigt, glaube ich eigentlich nicht. Erst danach wird abgerechnet.
SZ: Wie viele Bewerber hatten Sie denn 2005 für Ihre acht Biergärten
Schmid: Es waren insgesamt 14. Einige sind jedoch schon aufgrund ihres Konzepts herausgefallen, anderen ist im Vorstellungsgespräch klar geworden, dass das Seehasenfest eine Nummer zu groß für sie ist. Am Ende mussten wir dann sogar so, dass wir um einen Biergarten kämpfen mussten.
SZ: Hat eigentlich der Jahrmarkt noch eine Zukunft?
Schmid: Ich glaube, dass der Jahrmarkt mit seinen Bürsten und Schürzen ein Publikum hat, das ausstirbt. Die Entwicklung muss man beobachten.
SZ: Über einen Markt haben wir noch nicht geredet: den Christkindlesmarkt. Wie sind Sie mit ihm zufrieden?
Schmid: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ihn viele ganz arg schnuckelig finden. Er ist nicht so groß, hat aber inzwischen einen richtig heimeligen Charakter. Das ist uns gelungen. Klein und fein. Und diese heimelige Atmosphäre regt auch zum Kaufen an. Wir brauchen keine Spannbettlaken, wir brauchen keine Bratpfannen auf dem Weihnachtsmarkt – wir wollen dort keine IBO haben. Wir sind auf einem guten Weg, deshalb mache ich mir gar keinen Kopf. Die Attraktivität ist entscheidend für einen Markt – es geht nicht nur ums Kaufen, sondern auch um den Markt als Kommunikationsplattform. Märkte sind immer Emotionen und was für die Seele.